Stilmittel: Perspektivenwechsel

Wir kennen ihn wohl alle. Manche von uns (Hobby)autoren benutzen ihn intuitiv, wieder andere wohl durchdacht: Den Perspektivenwechsel. Da er ein durchaus interessantes Instrument sein kann, ist das Grund genug ihn auf die Wörterinsel zu holen und näher zu beleuchten.

Was ist ein Perspektivenwechsel?

Es gibt meiner Meinung nach zwei Arten von Perspektivenwechseln, oder vielleicht besser ausgedrückt: Zwei Anwendungsmöglichkeiten. Die erste Möglichkeit ist wohl die häufigste nämlich, in dem für jeden Abschnitt, bzw. Kapitel die Perspektive gewechselt wird. Mal ein fast schon klassisches Beispiel: Wir haben einen Krimi, in dem ein Kommisar ermittelt. Wir sehen durch seine Augen, wie er den Fall untersucht. Parallel dazu werden immer wieder Kapitel eingeschoben, die aus Sicht des Killers schildern, wie er eine neue Tat plant.

Anwendungsmöglichkeit Nummer zwei ist: Wir sehen ein und dieselbe Szene zwei mal, nur aus einer anderen Perspektive. Beispiel: Ein Streit zwischen einem Ehepaar. Zuerst lesen wir ihre Sicht, wie sie ihrem Gatten Vorwürfe macht. Im nächsten Absatz lesen wir dann, wie er nach Hause kommt und von den Vorwürfen seiner Frau überrascht wird.

Die Vorteile des Perspektivenwechsel

Bleiben wir zunächst bei Variante Eins. Sie wird wohl am häufigsten verwendet, mal mehr, mal weniger stark. Gerade bei meinem Krimi-Beispiel bringt sie ein paar Vorteile mit sich.

Wir fragen uns hier (selbstverständlich neben der zentralen Frage, ob und wie der Täter geschnappt wird, bzw. wer er ist) wie nun die beiden Handungsfäden zusammen laufen. Wenn der Perspektivenwechsel an der richtigen Stelle eingesetzt wird, dann kann er Spannung erzeugen. Zum Beispiel habe ich mir schon manches mal gedacht, dass ich lieber dem Polizist noch weiter gefolgt wäre. So bringt mich der Wechsel zum Weiterlesen. Manches mal auch dadurch, weil es mich ein bisschen wurmt, dass ich nun etwas wichtiges erfahren habe, was ich aber dem Kommisar nicht mitteilen kann.

Ebenso können die Perspektivenwechsel genutzt werden, um Zeit vergehen zu lassen in dem wir zu einem anderen Potagonisten springen, wo unser Kommisar erst später hinzu kommt. Auch kann der Perspektivenwechsel nützlich sein, um verschiedene Handlungsorte zu nutzen: Klassicher Fall wäre hier ein Ermittlerteam, dass an unterschiedliche Orte geschickt wird. Wir haben hier dann die Möglichkeit jedem einzelnen über die Schulter zu schauen. Später werden dann die Informationen zusammengetragen.

Es gibt also unzählige Möglichkeiten, den Perspektivenwechsel bewusst für sich (bzw. die Geschichte) zu nutzen.

Von der zweiten Varaiante bin ich ehrlich gesagt nicht begeistert, ich habe aber bisher nur ein Buch damit gelesen. Es hat mich schlichtweg gestört, so gut wie jede Szene zweimal zu lesen, obwohl die beiden Protagonisten natürlich die Situation unterschiedlich wahrgenommen haben. Eine Umsetzung, die mir hingegen gefallen hat, habe ich in einem Film gesehen. Es werden Szenen zwar nicht direkt zweimal gezeigt, aber es gibt öfter Wiedererkennungspunkte. Das war „Elevenfourteen“. Hier wechselt die Erzählperspektive so, dass wir zuerst das Ergebnis der (etwas verworrenen) Handlung sehen und dann von Charakter zu Charakter springen, sodass wir in der zeitlichen Abfolge sozusagen rückwärts gehen, bis wir erst am Ende wissen, wie alles angefangen hat und so den Ablauf verstehen. Klingt kompliziert, ist es auch. Aber sehr gut gemacht. Ich bin immer mal wieder dabei zu überlegen, wie man das Konzept für einen Text nutzen kann.

Die Nachteile der Perspektivenwechsel

Was Vorteile hat, hat selbstverständlich auch Nachteile. Ein Perspektivenwechsel an der falschen Stelle kann Leser dazu bringen das Buch zu schließen. Zum Beispiel, wenn es zu oft einen Wechel gibt und wir so beim Lesen den roten Faden verlieren. Kurze Kapitel und Absätzte sind meistens unübersichtlich. Auch kann ein zu plötzlicher Wechsel dazu führen, dass es zu verwirrend wird und der Übergang, wenn es bei diesem Handlungsstrang wieder weiter geht zu kompliziert wird. Ebenso kann es von Nachteil sein, den falschen Perspektiventräger zu auszuwählen.

Der Perspektiventräger

Perspektiventräger ist die Figur, aus deren Sicht wir die Szene schildern. Wie oben schon erwähnt ist das in Kriminalromanen oft der Kommisar, manchmal auch der Täter. In der Fantasy ist es der Held. Aber es gibt ja noch mehr Möglichkeiten wer Perspektiventräger sein kann. Zum Beispiel kann es ein Kollege des Kommisars sein. Denken wir nur an diverse Tatort-Ermittler-Duos, die beide – mal mehr, mal weniger abwechselnd – Perspektiventräger sind und die wir dann immer wieder mal begleiten. Oder denken wir an diverse Fantasy-Helden, deren Gefährten ebenso Perspektiventräger sein können.

Aber wer ist nun der Richtige?

Die pauschalste Antwort hierauf ist wohl: Der, der etwas zu erzählen hat. Sicherlich ist das fast immer der Held, der gerade loszieht, um sein Abenteuer zu bestehen. Aber sollte er gerade mal nur in einem Gasthaus sitzen und sich erholen, dann wäre die Gelegenheit, um zu einem seiner Gefährten zu schwenken, der gerade dem Feind im Hinterhof des Gasthauses begegnet.

Um das Krimi-Beispiel nochmal aufzugreifen: Manchmal müssen Kommisare auch ihren Papierkram erledigen. Da das nicht immer Spannend ist, bietet es sich an, hier zu einem Kollegen im Außendienst zu springen, der gerade eine interessante Spur entdeckt hat. Sicher kann er das nachher unserem Helden berichten, aber live dabei zu sein ist immer besser.

Manchmal gibt es ja auch ganze Helden-Gruppen, die gemeinsam ein Abenteuer erleben. Dann hat man natürlich die Qual der Wahl wer Perspektiventräger sein soll. Sinnvoll ist es natürlich nicht allzu oft die Perspektive zu wechseln. Kann man sich dann immer noch nicht entscheiden, bietet sich derjenige an, für den die Situation neu und somit spannend ist. Beispiel: Die Gefährten ziehen zusammen durch das Land. Dann bietet sich derjenige an, der in diesem Teil des Landes noch nie war. Oder auch der Jüngling der Gruppe, bietet sich auch immer ganz gut an, weil der noch zusätzlich den Konflikt in sich trägt, dass er nicht von allen Respektiert wird. Überhaupt gilt:  Passive Perspektiventräger sind meistens langweilig, lieber einen nutzen der etwas tut.

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2 Gedanken zu “Stilmittel: Perspektivenwechsel

  1. Du fasst sehr schön zusammen, was man zu dem Thema sagen kann. Vielleicht noch ein kleiner Zusatz: Ich bin immer ein Fan davon, wenn die Funktion des Perspektivträgers nicht immer unbedingt ersichtlich ist. Was ich damit meine: Anstatt einen Perspektivträger zu präsentieren, der eindeutig nur dazu dient, einen Blick auf ein bestimmtes Ereignis zu liefern oder bestimmte Informationen zu liefern, sollte man wenn möglich versuchen, jeden Perspektivträger durch seine eigene Geschichte zu führen. Das schließt einen Handlungsbogen ebenso ein wie Motivation und dergleichen. In Kürze: Tiefe!

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    1. Ich freu mich immer, wenn du vorbeischaust und danke für das Lob. Gerade bei diesem Artikel habe ich gemerkt, wie ich total routiniert vorgegangen bin, also wirklich bewusst den Aufbau von „Was ist das überhapt?“ bis „Was mache ich damit?“ durchgegangen bin. Ja, Anekdote am Rande.
      Du hast natürlich recht, dass der Perspektiventräger auch seine Geschichte/Tiefe braucht, gerade er. Ich glaube fast, ich meinte das mit dem „der etwas zu erzählen hat“. =) Trotzdem danke für den Hinweis, vielleicht ergänze ich da noch was. Über den Perspektiventräger kann man sicher noch viel mehr sagen, da lohnt sich fast schon ein eigener Beitrag.

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