Der Weg durch das Labyrinth

Denn als Theseus auf Kreta gelandet und vor dem Könige Minos erschienen war, zog seine Schönheit und Heldenjugend die Augen der reizenden Königstochter Ariadne auf sich. Sie gestand ihm ihre Zuneigung in einer geheimen Unterredung und händigte ihm einen Knäuel Faden ein, dessen Ende er am Eingange des Labyrinthes festknüpfen und den er während des Hinschreitens durch die verwirrenden Irrgänge in der Hand ablaufen lassen sollte, bis er an die Stelle gelangt wäre, wo der Minotauros seine gräßliche Wache hielt. Zugleich übergab sie ihm ein gefeites Schwert, womit er dieses Ungeheuer töten könnte. Theseus ward mit allen seinen Gefährten von Minos in das Labyrinth geschickt, machte den Führer seiner Genossen, erlegte mit seiner Zauberwaffe den Minotauros und wand sich mit allen, die bei ihm waren, durch Hilfe des abgespulten Zwirns aus den Höhlengängen des Labyrinthes glücklich heraus.

(Gustav Schwab „Sagen des klassischen Altertums“)

Die griechische Mythologie begleitet uns bis heute, denn einen roten Faden benötigen wir noch immer. Egal ob im Film, Serien, oder der Literatur: Wir brauchen einen Fixstern, dem wir folgen können. Das kann ein Charakter, ein Ort oder eine Motivation sein. Sogar ein Gegenstand. Zum Beispiel erzählt Tolkien die Geschichte des Rings, aber die Protagonisten ändern sich: Mal erzählt Bilbo einen Teil, mal Frodo und seine Gefährten. In diesem Fall ist der Ring der rote Faden. Oder denken wir an Forrest Grump, wie er verschiedene Stationen der Geschichte erlebt. Ohne ihn gäbe es zwischen den einzelnen Szenen keinen Zusammenhang. Hier ist er der rote Faden. Es sind oft die Protagonisten, deren Lebenswege erzählt werden, die unsere Fixsterne sind. Sie können in noch so seltsame Umstände, Szenen und Wiedrigkeiten gelangen, wir wissen als Leser oder Zuschauer immer woran wir sind, weil sie uns als Konstante begleiten. Diverse Fernsehserien machen sich dieses Prinzip zu nutze. Die Protagonisten bleiben (überwiegend) die gleichen, erzählen aber in jeder Folge eine neue Geschichte.

Den Faden verloren

Unübersichtlich wird es (meistens) mit der zunehmenden Anzahl an Protagonisten. Jeder will seine eigene Geschichte erzählen und braucht seinen Hintergrund. Doch wenn wir von Szene zu Szene springen und verschiedene kleine Geschichten erzählen kann uns der Leser nicht mehr folgen und fragt sich irgendwann: Was soll das alles?

Als Beispiel fällt mir der Film „Babel“ (2006) ein, der immer wieder von Szene zu Szene, von Protagonist zu Protagonist und von Ort zu Ort springt. Die einzelnen Passagen bilden für sich schon kleine Geschichten, aber über lange Zeit habe ich mich schon gefragt, auf was das ganze nun hinausläuft und wo da der Zusammenhabng sein soll. Das klärt sich am Ende zwar auf, aber es bleiben uns eher kleine Episoden, als das große Ganze.

Hin und wieder nutzen Krimis und Thriller eine ähnliche Erzähltechnik in der zwischen dem Mörder und dem Ermittler als Perspektiventräger abgewechselt wird. Das bringt viele Vorteile mit sich, aber auch die Frage wann ein Szenen-, bzw. Perspektivenwechsel angebracht ist. Je nach dem geht es mir so, dass ich lieber noch in der einen Perspektive weitergelesen hätte.  Aber diese Frage ist wahrscheinlich einen eigenen Artikel wert. Den roten Faden bildet hier aber eindeutig die Suche nach dem Täter, bzw. dessen Ergreifung.

Verstrickt – Wenn der Faden zum Problem wird

Manchmal zeigt sich der rote Faden erst mit der zunehmenden Anzahl an Kapiteln und Seiten. Charaktere müssen erst eingeführt, Handlungsorte vorgestellt und Plotverläufe vorbereitet werden. Das ist eine Sache, die die Geduld und das Durchhaltevermögen des Lesers auf die Probe stellt. Es gibt sicherlich Leser, die bei solchen „Vorbereitungen“ den roten Faden vermissen werden, insbesondere wenn es noch einen Prolog gibt, der zunächst für sich steht. Auch hier gilt es mal wieder einen golden Mittelweg finden zu müssen. Auf der einen Seite muss die Spannung aufrecht erhalten bleiben, denn die Frage nach dem Sinn des Ganzen lässt den Leser weiterlesen. Auf der anderen Seite muss man genug Faden zu hinterlassen, damit der Leser dem Handlungsverlauf folgen kann.

Hier gilt also: Der Leser sollte zu Beginn den Anfang des Fadens in der Hand halten, aber nicht das ganze Knäuel.

Der Weg aus dem Labyrinth

Ich stehe mit meinem Romananfang vor dem Problem, welches ich oben versucht habe zu beschreiben: Ich muss die Protagonisten einführen, ihre Motive vorstellen, damit der Leser verstehen kann warum sie später das tun, was sie tun. Mein roter Faden ist hierbei (hoffentlich) mein Schauplatz, denn alles spielt sich in derselben Stadt ab. Außerdem gibt es da noch einen kleinen Jungen, der hin und wieder Dinge beobachtet und so für mich zum Träger des Fadenknäuels geworden ist.

Wie rolle ich den Faden aus?

Wenn der Faden nicht so offensichtlich ist, dann gibt es trotzdem Möglichkeiten ihn kenntlich zu machen:

  • Details einstreuen! Zum Beispiel könnten alle Protagonisten (am Rande) dasselbe Ereignis erwähnen und sei es nur der Einbruch in der Nachbarschaft.
  • gemeinsame Schauplätze! Wie in meinem Beispiel: Immer denselben Schauplatz benutzen, was auch zu verschiedenen Zeiten geht
  • kurze Begegnungen! Mein Beispiel zeigte es schon:Wir können dem kleinen Jungen von Szene zu Szene folgen. Wenn das nicht geht, begegnen sich die anderen Protagonisten untereinander, sodass es fast immer eine Verbindung zwischen den Kapiteln geben wird. (Zumindest ist so mein Plan)
  • wenige Perspektivenwechsel! Ich stelle es mir wie bei einer großen Party vor. Eine Menge Leute, die alle etwas zu erzählen haben. Aber wenn alle durcheinander und gleichzeitig sprechen, versteht man sich selbst nicht mehr und der rote Faden geht unter. Die Lösung: Lasst einen auf der Party rundgehen. Mal mit dem einen mal mit dem anderen sprechen. So wird er zu unserem roten Faden, dem wir folgen können.
  • Folge deiner Motivation! Was ist der Kern deiner Geschichte, die du erzählen möchtest? Was möchtest du dem Leser sagen? Um wen oder was soll es gehen? Oft hilft es, sich auf ein Thema zu konzentrieren und daraus eine Geschichte zu machen. Nebenhandlungen sind zwar vollkommen okay, aber es sollte schon erkennbar sein, was die Hauptgeschichte sein soll. Folge auch selbst dem roten Faden!

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