Der Horror aus dem Nichts

Schritte auf dem Boden. Stiefelsohlen auf Holzdielen. Schweres Atmen und unstete Blicke. Schweiß stand auf seinen Lippen, Panik in seinen Augen. Wie er in dieses verdammte, leere Haus gekommen war, wusste er nicht. Und erst recht nicht, wie er wieder hinaus kommen sollte. Sie lauerten überall. In den Schatten. Bereit ihn zu vernichten. Jederzeit. Ein weiterer Schritt, ein weiterer zögerlicher Blick in die Finsternis. Dann hörte er einen Schrei, ein Keuchen. Zwei hektische Atemzüge tat er noch, bevor die Hölle ihn entgültig verschlang.

Ich mag ihn. Den Horror aus dem Nichts. Wenn die Nerven zum zerreißen gespannt sind und man hinter jeder Ecke das Grauen erwartet. Ähnlich wie beim Grauen hinter der Tür, macht hier nicht das Blutvergießen den Grusel aus, sondern das, was nicht passiert, das was in der Vorstellung aber passieren könnte.

Das ist ein Trick den schon viele angewandt haben: Egal ob Sigourney Weaver sich durch die halbleere Raumstation in „Alien“ schleicht, ob Milla Jovovich ohne Gedächtnis durch die unterirdische Station in „Resident Evil“ gezerrt wird, oder wir ganz klassisch das Auftauchen Norman Bates in seinem Motel in „Psycho“ erwarten. Jedes Mal befürchten wir das etwas in den Schatten lauert und uns anspringt. Ebenso lassen sich hier genügend Beispiele in der Literatur finden: Harry Potter streift zum Beispiel durch den Wald, um die Riesen-Spinne Aragog zu finden. Oder auch beim „Hund von Baskerville“. Bei Doktor Watsons Streifzügen über das Moor erwarten wir auch, dass jederzeit jemand oder etwas aus dem Nebel auftaucht und uns angreift.

Beispiele lassen sich hier wahrscheinlich in allen Genres finden, aber natürlich finden sie sich hauptsächlich im Horror-Genre.

Zum Beispiel „Shining“ von Stephen King (der diesen Trick noch öfter anwendet) ist hier wohl schon fast ein Klassiker. Familie Torrance hält sich ganz alleine in diesem riesigen Hotel auf, der kleine Danny sieht gruselige Gestalten und man erwartet gerade zu, dass gleich etwas passiert.

Diversen Ermittlern, Polizisten und Detektiven ist es selbstverständlich auch schon so gegangen: Auf der Suche nach dem Mörder schleichen wir durch enge Gassen (natürlich bei Nacht und Nebel) und erwarten, dass der Gesuchte hinter einer Ecke hervorspringt.

Meine kleine Beispielszene ist natürlich zu kurz, um dem gewünschten Effekt die richtige Wirkung zu verleihen, aber ich hoffe es reicht, um zu zeigen, was ich meine. Ich würde ja unheimlich gerne auch mal so eine richtig gruselige Geschichte schreiben, mit genau diesen Horror-Effekt. Was brauche ich dazu?

  • Einen symphatischen Charakter (Um wen sollte ich mir sonst Sorgen machen?)
  • Einen gefährlichen Gegner (Warum sollte ich mir sonst Sorgen machen?)
  • Die passende Atmosphäre (Der klassische Nebel, die klassische Dunkelheit, oder doch die verspukte Villa?)

Viel mehr Zutaten braucht es eigentlich nicht, weil sich das meiste aus dem Protagonisten heraus ergibt, z.b. seine Motivation das Spukhaus zu betreten, seinen Überlebenswillen bei der Flucht durch den dunklen Wald. Auch die Gefährlichkeit des Antagonisten muss hier genug Motivation bieten: Wir müssen ihm jederzeit zutrauen uns anzugreifen, zu verletzten, oder sogar zu töten.

Betrachten wir uns nochmal Familie Torrance in ihrem Hotel: Uns ist schnell der kleine Danny ans Herz gewachsen (bei Kindern ist das sicherlich nicht allzu schwierig), wir fiebern also mit ihm mit, ob er die Geschichte überlebt. Die Gegner sind hier zunächst „nur“ Geister, doch nach und nach verschwimmt hier die Realität, sodass auch diese gefährlich für unsere Familie werden können. Nicht zuletzt wird dann auch noch Familienoberhaupt Jack zum Gegner, der theoretisch hinter jeder Tür lauern kann.

Zur Atmosphäre trägt das leere Hotel entscheidend bei. Leere, große Räume wirken allein schon wegen ihrer Größe erschreckend, weil man weiß, dass dort noch andere Menschen sein sollten. Ebenso ist es mit den vielen leeren Zimmern, man weiß nie so genau, ob sie wirklich leer sind und welcher Spuk hinter ihnen lauert. Die Abgeschiedenheit verstärkt diesen Effekt noch. Man weiß genau, dass es keinen Ausweg, keine Flucht gibt.

King arbeitet oft noch mit einer Portion Übernatürlichen, welche zum Horror-Genre fast schon dazu gehört und den Effekt noch unterstützt.

Der Horror aus dem Nichts ist eigentlich der Horror, bei dem gerade nichts passiert. Mit geifernden Zombies, ratternden Gewehrschüssen und kreischenden Mördern kommen wir zurecht. Wir sehen sie, wissen und können uns vorstellen, was passiert. Aber was in der Dunkelheit der Schatten lauert, sehen wir nicht und gerade das ist erschreckend.

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8 Gedanken zu “Der Horror aus dem Nichts

  1. So, hier mal der ausführlichere Kommentar, den mir Zeit und Muse erst jetzt wirklich erlauben.

    Eines meiner Lieblingsbeispiele zu dem Thema ist eine Anekdote über David Finchers „Sieben“ (Spoiler) . Auf einer Party soll ihn einmal die Ehefrau eines Produzenten regelrecht zur Rede gestellt haben, wie er denn etwas derart brutales zeigen könne, wie Gwyneth Paltrows Kopf im Karton gegen Ende des Filmes. Egal wie sehr Fincher auch darauf bestand, dass sie sich irre, dass der Kopf im Film überhaupt nicht zu sehen wäre, die gute Dame wollte sich nicht von ihrer Meinung abbringen lassen.

    Kings „Shining“ (wie von dir angebracht) ist ein weiteres Beispiel, die Szene in der Krabbelröhre auf dem Spielplatz hat sich mir förmlich eingebrannt, obwohl wir nie etwas beschrieben bekommen, sondern schlicht WISSEN, dass ETWAS mit Danny in der Dunkelheit ist.

    Das elegante an dieser Art des Horrors ist, dass es nicht versucht, dem Leser die Urängste des Autoren aufzuzwingen, sondern ihn gerade ausreichend stimuliert, dass sein eigenes Unterbewusstsein die Lücken im Text ausfüllen kann. Ob es dadurch zu einem leichteren oder anspruchsvolleren Stilmittel wird, könnte ich allerdings nicht sagen.
    Vermutlich gilt auch hier, was für viele Elemente des Schreibens gilt: Manchmal ist weniger einfach mehr. Etwas nicht zu zeigen, aber das Gefühl zu vermitteln, das etwas nicht in Ordnung ist, dass sich aber der Wahrnehmung der Charaktere gerade so entzieht, ist hoch effektiv. („Alien“ ist tatsächlich auch ein tolles Beispiel. Ich finde immer wieder beeindruckend, wie wenig im ersten Drittel des Filmes überhaupt passiert.)

    Ich denke, was den Horror aus dem Nichts so effektiv macht, ist auch, dass diese Momente, in denen (wie du sagst) der Detektiv auf Mörderjagd in der dunklen Gasse umher schleicht, er ja auch alleine nicht wirklich allein ist. So wie der Leser seine Ängste auf das Ungesagte projiziert, sind für den Charakter die Schatten oft mit seinen eigenen Geistern angefüllt und etwas von seiner Kontrolle über die Situation geht verloren.
    Dieser Kontrollverlust ist definitiv etwas, mit dem ich nur ganz schwer zurecht komme und quasi automatisch für Spannung sorgt.

    So, höre jetzt auf zu schwafeln. Fand den Artikel sehr gut und das Thema sowieso interessant.

    PS: Wie stehst du zu Fragen/Kommentaren zu älteren Artikeln? Du hast eine Menge interessanter Themen behandelt und ich habe immer großen Spaß daran, übers Schreiben mit Gleichgesinnten zu schreiben 😉

    Gefällt mir

    1. Das ist ja schön, dass du noch einmal so ausführlich antwortest. Es ist immer interessant zu sehen, wie jemand meine Gedanken sozusagen weiterdenkt.
      Und ja, du hast recht so einfach kann man nicht sagen, dass es ein einfaches Stilmittel ist. Ich würde sogar behaupten es ist gar nicht so einfach mit den Erwartungen und Ängsten des Lesers zu spielen. Eben darum, weil man es gerade NICHT einfach hinschreiben kann. Das ungesagte, ist manchmal recht schwer zu sagen. (Wieder so ein Thema worüber man mal schreiben könnte …)

      Ja, du kannst auch gerne noch was zu älteren Artikeln sagen. So wirklich unaktuell werden die Themen ja (hoffentlich) nicht. 🙂 Ich freue mich immer über Austausch.

      LD Sophie

      Gefällt 1 Person

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