Weg damit! – Der Infodump

Infodump (Dump=Müllhalde=Informations-Müllhalde)

Den wohl bekanntesten Infodump hat Umberto Eco in seinem Roman „Der Name der Rose“ verfasst. Wer kennt nicht die berühmte Szene, in der der junge Adson von Melk vor dem Klosterportal steht und sich die Reliefs über dem Eingang anschaut. An sich ist das natürlich kein Problem, aber diese Informationsflut erstreckt sich über fast zwei Seiten. Man kann natürlich über den Sinn und Zweck dieser Szene diskutieren. Sie trägt dazu bei, zu zeigen, welche Angst Adson vor den Figuren, bzw. vor dem was sie darstellen hat. Ein Stück weit zeigt es auch seinen (Aber)Glauben, oder eine Art Version – hier ist viel Platz für Interpretationen.

Aber ist dazu wirklich eine solange Beschreibung notwendig? Ganz klar: Nein! Gerade weil es sich hier um den Hauptprotagonisten handelt, weiss man eigentlich immer Bescheid, was er gerade so denkt, fühlt und Visionen kann man ebenso gut in spannenden Träumen verpacken.

Ein weiteres Beispiel für Infodump: Ich habe neulich einen Romananfang gelesen, in dem sich zwei Mädchen miteinander unterhalten. Eine der jungen Frauen erzählt ihrer besten Freundin von ihrem Verlobten. Was macht besagte beste Freundin? Sie denkt fünf Zeilen lang über diesen Mann nach. Wie er heißt, wie alt er ist, was er beruflich macht, wo er arbeitet und schließlich noch wie lange sie sich kennen und wie es zu der Verlobung kam.

An dieser Stelle muss man sich drei Dinge fragen:

  • Erstens: Würde das jemand tatsächlich so denken? Sie sprechen immerhin über jemanden, den sie beide kennen. Beiden sind diese ganzen Fakten bekannt. Also würde wohl auch niemand so darüber nachdenken.
  • Zweitens: Muss der Leser all diese Fakten zu diesem Zeitpunkt der Geschichte kennen? Wieder ganz klar: Nein! Für mich als Leser wird eigentlich von alleine klar, dass es sich hier um den Verlobten handelt (da vorher eindeutig über den Verlobungsring geredet wurde). Alle anderen Informationen finde ich erstmal nicht interessant, sondern ich möchte erfahren, wo denn nun die Probleme zwischen dem Paar sind und warum die Mädchen überhaupt darüber reden.
  • Drittens: Ist der Verlobte für den weiteren Verlauf wichtig? Falls nicht, brauche ich auch keine weiteren Informationen über ihn. Sein Alter zum Beispiel kann ich mir herleiten. Im Dialog kann man vielleicht noch etwas zu seinem Äußeren einbringen und das genügt für den Moment schon, um dem Gespräch folgen zu können.

Ist er doch noch wichtig, brauche ich doch noch weitere Informationen über ihn? Wenn ja, dann sollte es auch kein Problem sein, ihn noch weiter zu beschreiben. Sie könnten zum Beispiel abends auf der Couch über seinen harten Arbeitstag reden, er könnte davon sprechen, dass er von seinen älteren Kollegen nicht akzeptiert wird. In einer solchen Szene kann ich ihn viel besser kennen lernen, als durch diesen eher indirekten Gedankengang.

Eine weitere Falle: Landschaftsbeschreibungen!

Eine weitere Gelegenheit Infodump zu produzieren sind Landschaftsbeschreibungen. Bestes Beispiel dürfte hier wohl Tolkin mit seinen Beschreibungen Mittelerdes sein. Gerade in Genres, die nicht in der heutigen Realität angesiedelt sind, ist es manchmal (vielleicht auch immer) notwendig die Umgebung der Protagonisten zu beschreiben.

Letztes Jahr habe ich eine Kurzgeschichte über zwei Magier in einem Sumpf geschrieben. Ganz bewusst habe ich auf Landschaftsbeschreibungen verzichtet und wollte sie einfach in ihrer Umgebung agieren lassen. Natürlich haben sie sich dann und wann damit beschäftigt, weil sie diesen Sumpf durchwandert haben, so dass ein paar Informationen geflossen sind und genau das war der Fehler: Aufmerksame Leser wollten dann noch genauer wissen, wie es da aussieht und konnten sich die Umgebung, mit den wenigen Hinweisen, nicht richtig vorstellen. Ich habe dann natürlich hier und da noch etwas eingefügt, aber auch dabei wieder bewusst versucht, keine allzu langen Beschreibungen einzubauen. Wobei ich auch ganz klar dazu sagen muss, dass es mir nicht darum ging diesen Sumpf dem Leser näher zu bringen, sondern mein Fokus auf der Handlung um die beiden Magier lag.

Auch hier gilt es mal wieder den goldenen Mittelweg zu finden!

Vor kurzem habe ich es in einem Roman entdeckt: Eine Landschaftsbeschreibungen, die sich über mehrere Zeilen erstreckt. Natürlich habe ich es voller Neugier gelesen, einmal wie die Landschaft beschrieben wurde und dann, inwiefern die Beschreibung später erforderlich war. Im Nachhinein finde ich, dass die Beschreibung (zumindest in dieser Länge) nicht notwendig war. Es fand dann „nur noch“ eine Schlacht statt, bei der man lediglich einen groben Überblick brauchte, wie es da aussieht. Aber ich konzentriere mich dann beim Lesen eher auf die Handlung (gerade bei Action-Szenen) und im Hinterkopf entsteht dann automatisch ein Bild. Es kann sein, dass ich es mir anders vorstelle, als es gemeint war, was aber mein Lesevergnügen nichts ausmacht.

Das geht mir jetzt aber nur rückblickend durch den Kopf. Beim ersten Lesen war ich eigentlich recht erfreut darüber zu erfahren, wie es da aussieht.

Mit der Umsetzung war ich dann weniger glücklich, weil sich der Protagonist dort einfach nur umgesehen hat. Besser hätte es mir gefallen, wenn es dabei einen direkten Bezug zu ihm gegeben hätte. Zum Beispiel, hätte er sich freuen können, endlich wieder an der frischen Luft zu sein, oder er hätte die Landschaft trostlos finden können. Auch aus der Sicht einer anderen Protagonistin, (die, wie in diesem Fall) überhaupt keine Lust hatte dort zu sein, wäre die Beschreibung auch sicher interessanter gewesen. Im Gesamtbild ist die Beschreibung dann aber nicht weiter negativ aufgefallen, ansonsten war der Roman richtig gut.

Noch ein Beispiel? – Die Klassiker

Erst kürzlich habe ich mal wieder den Klassiker: „Der Hund der Baskervilles“ gelesen. Sir Arthur Conan Doyle (aber auch ähnliche alte Schriftsteller, wie Stevenson, Poe und Chesterton) neigt dazu, die Landschaftsbeschreibungen einfach zu Beginn der Szene einzusetzen, sobald jemand einen (für ihn) neuen Ort betritt. Ebenso ist es mit der Personenbeschreibung. Die Person wird beschrieben, sobald sie zu sehen ist. Vorteil davon ist, dass gleich etwas Atmosphäre aufkommt (man denke nur an das gruselige, neblige Moor um Baskerville Hall) und man kennt sich, als Leser, gleich ein bisschen aus. Obwohl ich zugeben muss, dass bei mir meistens nur das Wichtigste hängen bleibt.

Ein Nachteil ist, dass diese Beschreibungen, dann meist handlungsarm sind und (je nach Länge) stellenweise langweilig wirken, weil ich lieber gewusst hätte, wie es in der Handlung weiter geht. Aber gerade für Sherlock Holmes sind ja die Details wichtig. Ohne die vorhergehenden Beschreibungen, kann er nicht sein Talent zeigen, deshalb verzeih ich Sir Doyle (und allen anderen) natürlich gerne diese etwas langatmigen Momente.

Bleibt nur die Frage, die ich mir für meinen eigenen Roman stellen sollte: Wie bringt man die Protagonisten dazu ihre Heimat zu beschreiben? Sie kennen sich dort aus, kennen jeden Baum und Strauch und werden sich sicherlich nicht interessiert umsehen. Ich muss wohl diese Beschreibung der zugezogenen Protagonisten unterjubeln. Aber auch der Zuzug ist schon einige Zeit her und sie kommt sich nicht mehr so fremd vor, dass sie sich andauernd umsehen müsste.

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4 Gedanken zu “Weg damit! – Der Infodump

  1. Die Art und Weise, wie dem Leser Informationen vermittelt werden, ist ein Thema, das mich auch sehr interessiert. Der Infodump ist eine Sache, die man gerade in der Fantasy seeeehr oft findet, obwohl sie meist eleganter gelöst werden könnte. Andererseits denke ich gleichzeitig auch nicht, dass er immer völlig unangebracht ist. Beispielsweise in Werken, die viele Informationen oder sehr grundlegende Informationen früh ins Spiel bringen müssen, weil sie als Grundlage für Plotelemente dienen. Dann hat der Autor die Wahl, die Informationen zu verteilen und die Geschichte in die Länge zu ziehen oder halt ein paar Informationen gebündelt anzubringen. In „Das Lied von Eis und Feuer“ etwa erzählt einer der Maester den Stark-Kindern recht zu Anfang (auf Nachfrage der Kinder) eine Geschichte über die Lange Nacht und die Weißen Wanderer. Purer Infodump (wenn wir davon ausgehen, dass wir den Infos vertrauen können, was durch eine zeitnahe, zweite Version der Geschichte zumindest fragwürdig ist). Aber es funktioniert im Rahmen der Handlung. Die Sequenz aus „Der Name der Rose“ würde ich fast in die gleiche Kategorie zählen.

    Problematisch finde ich Infodumps dann, wenn sie innerhalb der Handlung keinen Sinn ergeben. Wenn etwa ein Charakter einem anderen etwas erzählt, dass er eigentlich wissen sollte. Gerne eingeleitet mit „Wie du weißt …“. Mein Universalmantra ist bei so etwas stets: Es kann funktionieren, wenn es sich organisch in die Geschichte einfügt.

    Das Problem, dass du zuletzt schilderst, kenne ich gut und es ist gerade für Fantasy oder SF eine harte Nuss. Der Leser braucht unzweifelhaft mehr Informationen als die Charaktere. Wenn du dafür eine Lösung findest, sag bescheid, ich habe selbst noch kein Patentrezept gefunden 😀

    Landschaftsbeschreibungen haben, glaube ich, viel mit Filmkonsum zu tun. Kamerafahrten etc. sind ja da ein beliebtes Mittel. Viele Schreiberlinge vergessen dann mal ganz gerne, dass Film und Buch grundsätzlich verschieden funktionieren. Der Vorteil von Texten ist, dass man die Möglichkeit hat, den Leser an den intimsten Gedanken und Emotionen der Charaktere teilnehmen lassen. Sollte man halt auch ausnutzen.

    Lange Rede, wenig Sinn … Habe deinen Artikel gerne gelesen, fand ihn interessant und schätze sehr die Perspektive auf Dinge, die mich beim Schreiben auch umtreiben.

    MfG,
    pw

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    1. Ich lese deine Kommentare wirklich gerne!
      Was du sagst stimmt schon: Manchmal sind die Informationen einfach notwendig und manchmal fügt es sich auch ganz gut in die Geschichte sein. Aber ich finde auch, dass es eben passend sein muss.
      Die Szene aus „Name der Rose“ habe ich auch nur spontan ausgewählt, weil es eben eine seitenlange Beschreibung ist, die ich beim zweiten Lesen tatsächlich überblättert habe. 🙂
      Ja, der Unterschied zwischen Film und Buch wäre auch mal einen eigenen Beitrag wert. 🙂

      LG Sophie

      Gefällt 1 Person

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